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Ministerpräsident Stoiber übertreibt seine Erfolge für Gefangene in China - Angaben über Verkürzung der Haftdauer unzutreffend

Mit unzutreffenden Angaben versucht Ministerpräsident Edmund Stoiber, seinen Einsatz für die Menschenrechte in China als erfolgreich darzustellen. Stoiber behauptete in einem dpa-Gespräch, ihm sei mitgeteilt worden, daß die Haftdauer von drei Gefangenen, für die er sich im Juli 1994 eingesetzt habe, verkürzt worden sei. Stoiber wörtlich: "Das zeigt, daß unsere Art des Gesprächs zum Erfolg beiträgt." Dieser Zusammenhang stimmt nicht: die Haftdauer der drei Gefangenen ist zwar nach Darstellung der chinesischen Regierung verkürzt worden - aber das war lange bevor Stoiber sich im Juli 1994 für sie eingesetzt hat. "Es hat sich gezeigt, daß Stoibers stille Diplomatie bisher erfolglos war", sagt Malte Heynen, Pressesprecher von ai München. "Wir hoffen, daß der Ministerpräsident sich beim bevorstehenden Besuch von Chinas Staatspräsident Jiang Zemin deutlicher für die Menschenrechte einsetzt. Die übergabe einer Liste von Gefangenen ist nicht genug."

In der dpa-Meldung (lby, 12. Juli 1995, 15:01 Uhr, siehe SZ-Bayernteil v. 14.7.95) heißt es wörtlich: "Stoiber hatte die Namensliste bereits während des umstrittenen Besuchs von Ministerpräsident Li Peng im letzten Jahr dem chinesischen Botschafter überreicht. Inzwischen sei ihm mitgeteilt worden, daß für zwei Gefangene die Haftdauer um zehn Jahre, für einen um zwei Jahre verkürzt worden sei. [Stoiber:] 'Das zeigt, daß unsere Art des Gesprächs zum Erfolg beiträgt.'" Nach Darstellung von Stoiber-Pressesprecher Wilhelm stammen die Informationen über die Haftreduzierung sowohl aus Gesprächen mit der chinesischen Seite als auch von amnesty international. Aus der ai-Liste, die der Staatskanzlei am Montag zugegangen ist, ist aber klar erkennbar, daß die drei Haftverkürzungen, von denen die chinesische Regierung spricht, bereits 1993 oder früher erfolgt sind, also lange bevor Stoiber die Liste der 14 Gefangenen im Juli 1994 dem chinesischen Botschafter überreichen ließ. Bei zwei der Gefangenen waren die Informationen, die Stoiber jetzt als Erfolg präsentiert, sogar schon in der Liste vom Juli letzten Jahres enthalten.

Stoiber hat offenbar bei seinem Einsatz für die Menschenrechte in China bisher keinen Erfolg gehabt. Nach dem Staatsbesuch im Juli 1994 hat er anscheinend ein halbes Jahr lang nichts unternommen, um vom Botschafter eine Antwort zu erhalten. Erst als amnesty international am 28. Januar 1995 nachfragte, ob es Neuigkeiten von der chinesischen Seite gebe, wurde die Staatskanzlei aktiv: Als ai am 25. März zum zweiten Mal bei Stoiber nachfragte, hieß es, er habe bisher keinerlei Informationen erhalten, aber auf den ersten Brief hin bei der chinesischen Botschaft um Antwort gebeten. Diese Antwort steht bis heute aus.

ai fordert, daß die Menschenrechte bei den Gesprächen eine wichtigere Rolle spielen und daß Stoiber auch öffentlich Menschenrechtsverletzungen in China deutlich benennt. Auch sollte der Ministerpräsident darüber Rechenschaft ablegen, in welcher Form er sich für die Menschenrechte in China eingesetzt hat. Bisher hieß es aus der Staatskanzlei immer nur, Stoiber habe "die Frage der Menschenrechte klar und deutlich angesprochen." Ob dazu auch gehörte, daß er bei den Spitzengesprächen Einzelfälle genannt hat, wurde nicht gesagt. Die 14 Gefangenen auf der ai-Liste sind nur wegen ihres gewaltlosen Engagements für die Demokratiebewegung verurteilt worden, zu Haftstrafen von zehn Jahren und mehr.

 

Beim Besuch von Chinas Staatspräsident Jiang Zemin schränkt Polizei die Demonstrationsfreiheit massiv ein

Beim Besuch von Chinas Staatspräsident Jiang Zemin ist das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung von der bayerischen Polizei massiv behindert worden: die genehmigte Mahnwache von amnesty international wurde durch einen Polizeibus so abgeriegelt, daß der Staatspräsident sie nicht zu Gesicht bekam. Außerdem wurden zwei Mitglieder von ai, die gegenüber dem Hotel "Vier Jahreszeiten" Schilder mit den Namen politischer Gefangener hochhalten wollten, von Polizisten an die Seite gedrängt, und es wurde ihnen verboten, die Plakate zeigen.

9:55 Uhr, Marstallplatz, Hofgartenseite: kurz bevor der chinesische Staatspräsident über den Marstallplatz in die Residenz einfährt, steuert ein Polizist einen zivilen Bus vor die Mahnwache von amnesty international, der Tibet-Initiative München und der chinesischen Exilgruppe "Allianz für ein demokratisches China". Auf der anderen Seite des Busses hat sich eine Blaskapelle der Polizei aufgebaut, so daß der Staatspräsident auch die Rufe der Mahnwachenteilnehmer nicht hören kann. Die Mahnwache wird optisch und akustisch von der einfahrenden Wagenkolonne abgeriegelt. Die Mitglieder von ai wollten mit der Mahnwache dem chinesischen Staatspräsidenten Plakate mit den Namen und Fotos von gewaltlosen politischen Gefangenen zeigen. Die Mahnwache war für den Standort genehmigt worden.

9:55, gegenüber dem Hotel "Vier Jahreszeiten": Als zwei Mitglieder von ai Plakate zeigen wollen, auf denen auf chinesisch und deutsch die Namen von politischen Gefangenen zu lesen sind, werden sie sofort von Polizisten in Zivil und Uniform umringt. Es sei verboten, so die Polizei, dort zu demonstrieren. Den ai-Mitgliedern wird angedroht, daß man die Plakate beschlagnahmen werde. Außerdem fordern die Polizisten, die ihren Namen nicht nennen wollen, die ai-Mitglieder auf, ihnen zu folgen, um von einer übersetzerin die chinesischen Schriftzeichen auf ihre Strafbarkeit hin prüfen zu lassen. Die ai-Mitarbeiter verweisen auf ihr Grundrecht auf freie Meinungsäußerung und darauf, daß eine Gruppe von zwei Personen keine genehmigungspflichtige Demonstration sei. Die Polizisten behaupten daraufhin, daß in dieser "Sicherheitszone" das Recht auf freie Meinungsäußerung eingeschränkt sei. Die Mitarbeiterin von ai wird von einem Polizisten am Arm gepackt und von der Stelle gegenüber dem Hotel weggezerrt. Auch in diesem Fall wird ein Bus, diesmal ein Kleinbus der Polizei, vor die ai-Mitglieder gefahren. In diesem Moment - die beiden sind immer noch von Polizisten umringt - kommt der chinesische Staatspräsident aus dem Hotel, und die Wagenkolonne setzt sich in Bewegung.

Malte Heynen, Sprecher von ai München: "Das ist eine Schande für die Demokratie: die bayerische Regierung gibt dem chinesischen Gast, der in seinem Land die Meinungsfreiheit mit Füßen tritt, soweit nach, daß sie in Bayern die Demonstrationsfreiheit massiv einschränkt. Wir wollten mit der Mahnwache nur darauf aufmerksam machen, daß in China Menschen wegen ihrer friedlichen Beteiligung an der Demokratiebewegung zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden sind, und daß viele von ihnen immer noch im Gefängnis sitzen. Unser Ziel war, daß der chinesische Staatspräsident die Fotos und Namen der Inhaftierten zu Gesicht bekommt. Das hat die bayerische Staatsregierung verhindert." Bei amnesty international München wird jetzt geprüft, ob man rechtliche Schritte gegen die Behinderung der Demonstrationsfreiheit und des Grundrechts auf freie Meinungsäußerung einleitet.

 
 
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Letzte inhaltliche Änderung: 31.12.1995
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