Amnesty International Bezirk München und Oberbayern

Impressum | Login

Bezirk München und Oberbayern

Startseite2012-03-08 2

Sergej Solowkin

8. März 2012

„Wie ein Fahnenflüchtling“

Sergej Solowkin, verfolgter russischer Journalist der Nowaja Gaseta, las am 8. März im Münchner Eine-Welt-Haus bei einer ai-Benefizveranstaltung

Das Attentat hat Sergej Solowkins Leben zerhackt in ein Vorher und ein Danach. Vor dem 11. März 2002 enthüllte der Journalist eine Vielzahl von Skandalen in Russland. Seine investigativen Geschichten veröffentlichte er in der Nowaja Gaseta. Solowkin, fest angestellt bei der mutigsten russischen Zeitung, berichtete über Korruption, die Mächtigen im Kreml und die Oligarchen in der Provinz. Er schrieb über Machenschaften der russischen Mafia und ihre Verquickung mit der Politik, deckte kriminelle Machenschaften in Putins Spezialeinheit „Alpha“ auf. Und er scheute sich nicht, Namen zu nennen. Wie im fall der jungen Schönheitskönigin von Sotschi, die sich einem einflussreichen Mann verweigert hatte und der man daraufhin Salzsäure ins Gesicht rieb. Der Fall ging um die Welt, die Frau wurde in Deutschland behandelt, doch sie bleibt ihr Leben lang entstellt. Derartige Publikationen machten Solowkin zur Zielscheibe. Nur wenige Meter vor seinem Haus in Sotschi, dem vornehmen Kurort am Schwarzen Meer, sollte der Journalist am 11. März 2002 hingerichtet werden.

Der Auftragsmörder schoss aus nächster Nähe. Nur der Reaktionsschnelligkeit seiner Frau Emma verdankt er sein Leben. Sie erblickte den Mann mit der Pistole und schrie auf. Der Attentäter feuerte noch zwei Kugeln ab, traf  aber nicht. Dann rannte er davon. Eine Polizeistreife, die zufällig vorbeifuhr, nahm den jungen Armenier ohne Papiere fest. Tausend Dollar sollte er für die Ermordung des Journalisten erhalten, verriet er. Aber der eigentliche Auftraggeber ist bis heute nicht ermittelt, geschweige denn verurteilt. 19 potentielle Täter, die Solowkin mit seinen Recherchen verärgert haben könnte, kommen als Hintermänner in Betracht.

Nach dem Attentat wollte Solowkin kein weiters Risiko eingehen – zumal es schon zuvor Morddrohungen gegeben hatte, Unbekannte sein Auto demoliert und seinen Schwager zusammengeschlagen hatten. Jeden Tag schob seine Frau einen Schrank vors Fenster der Wohnung, weil vom Nachbarhaus aus jemand auf ihren Mann hätte schießen können. Sergej und seine Frau packten zwei Taschen. Sie flohen nach Deutschland und tauchten hier unter. „Nur verschwinden für kurze Zeit“, wie Solowkin damals annahm.  Zehn Jahre ist das her. Doch die Gefahr ist immer noch nicht gebannt. Selbst in Deutschland gab es einen Attentatsversuch. „Reporter ohne Grenzen“ hält Solowkin weiterhin für gefährdet. An eine Rückkehr nach Russland ist nach Putins Wiederwahl nicht zu denken. Seinen Wohnort hält Solowkin bis heute geheim. Aber mundtot lässt sich der 59-Jährige nicht machen. Schreiben ist für ihn Akt der Selbstbehauptung und des Lebenswillens Er kam zeitweise unter im PEN-Programm „Writers-in-Exil“. Jede Woche schreibt er Artikel für die Nowaja Gaseta – jetzt als Korrespondent aus Deutschland. Er schreibt Bücher, auf russisch. Und er macht Lesungen, in Deutsch. Die Sprache beherrscht er mittlerweile recht gut.

Am 8. März 2012 war Sergej Solowkin zu Gast bei der Münchner ai-Gruppe 1575. Den Kontakt hatte Gruppensprecher Martin über den deutschen PEN-Präsidenten Johano Straser hergestellt. Solowkin war einige zeit im PEN-Programm „Writers-in-Exil“ untergekommen. Der Autor las im Eine-Welt-Haus bei einer öffentlichen Benefiz-Veranstaltung vor 60 interessierten Zuhörern. In seinen Erzählungen „Der Kamm“ und „Der Einkaufswagen“ verarbeitet er in literarischer Form Erlebnisse und Eindrücke aus Deutschland. Etwa aus seiner Anfangszeit, als ihm das System mit den Einkaufswagen im Supermarkt rätselhaft erschien. „Ich habe gesehen, dass sie aneinandergekettet sind. Aber von den Gierschlunden wollte mir keiner einen Wagen überlassen, auch wenn sie mit Einkaufen fertig waren“, raisoniert sein Held. Und kommt daraufhin zu einer allgemeinen Einschätzung: „Die Nation von Goethe und Schiller gibt mir Geld und absolute Sicherheit, aber die Leute sind so unfreundlich.“ Die Sicherheit für Solowkin besteht in Deutschland darin, dass er als politischer Flüchtling offiziell anerkannt ist, als erster der früheren Putin-Ära, was als bemerkenswert gilt. Er und seine Frau leben bescheiden von staatlicher Unterstützung in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Seinen Humor und seine Lust am Leben hat der emigrierte Autor nicht verloren. Er lacht gern und laut, das fällt auf an dem kräftigen Mann mit den kurzen Stoppelhaaren.  Ernst wird er, als Moderatorin Toni ihn fragt, wie er mit dem Tod so vieler Kollegen der Nowaja Gaseta zurechtkommt, darunter Anna Politkowskaja, die 2006 in ihrem Hausflur erschossen wurde. Solowkin erzählt, dass er Anna zuletzt 2003 in Hamburg getroffen und sie gefragt habe, warum sie zurückgehe. Es habe da schon Anschläge auf sie gegeben. Sie habe gewusst, dass ihre Berichte über den Tschetschenienkrieg ihr Todesurteil seien. „,Aber ich muss, muss. Viele warten auf mich’ hat sie gesagt.“ Über sein Leben hat er ein Buch geschrieben. Den russischen Titel übersetzt er:  „Die Leute, die nicht erschossen wurden“. 15 Kollegen und Freunde, couragierte russische Journalisten, sind allein in den ersten fünf Jahren von Solowkins Exils ermordet worden. Er selbst fühle sich manchmal „wie ein Fahnenflüchtling in Stalingrad“.

Bedrohung und Verbannung gehören von Anfang an zu Solovkins Leben. Bereits seine Mutter, eine Lehrerin für russische Sprache und Literatur, wird als junge Frau nach der Verhaftung ihrer Verwandten in das entlegene kasachische Dorf Kok-Terek verbannt. Sie lernt dort  den aus dem sowjetischen Gulag entlassenen Alexander Solschenitzyn kennen, der Physik und Mathematik unterrichtet. Sergej wird am 1952 in der Verbannung geboren. Später studiert er an der Hochschule der Kriminalpolizei in Karaganda, arbeitet dann als juristischer Gutachter im Kriminalkommissariat in Kasachstan. Er beginnt 1979, Fälle von Kriminalität und Korruption bei Justiz und Behörden zu recherchieren, veröffentlicht seine Artikel in der  Republikanischen Jugendzeitung, bis kritisch Journalisten 1993 die Nowaja Gaseta ins Leben rufen

Um jetzt etwas Nützliches zu machen, versucht er „den russischen Gehirnen“ mit seinen Reportagen ein differenziertes Bild von Deutschland zu vermitteln. Mit großem Erstaunen hätten viele russische Leser auf seine Berichte über „diese Sachen mit Wulff“ reagiert. „Die Russen fragen, was ist das für ein glückliches Land, in dem Journalisten den Staatschef so stark attackieren können für solche relativ kleinen Dinge.“ Und in dem der Staatschef Konsequenzen sogar bis zum Rücktritt zieht. Auf die Frage, ob Demonstrationen in Russland etwas verändern werden, zeigt sich Solowkin skeptisch: „Auch wenn in Moskau 100 000 oder 200 000 Menschen demonstrieren - Moskau ist nicht das ganze Land.“ Meinungsfreiheit, unabhängige Gerichte, Parlamentarismus seien den Menschen egal, solange Aussicht auf mehr Verdienst und eine sichere Rente hätten. Er rechnet mit weiteren fünf, sechs Jahren Stagnation. Und zitiert Lenin, der von 1900 bis 1902 in München-Schwabing lebte und im Hofbräuhaus sein Bier trank: „Russland ist ein rätselhaftes Land, ein verrücktes, unvorhersehbares Land.“

Impressionen aus der lesung mit Sergej Solowkin (1)
Impressionen aus der lesung mit Sergej Solowkin (2)

Manuela Barm, März 2012