Amnesty International Bezirk München und Oberbayern

Impressum | Login

Bezirk München und Oberbayern

Startseite2011-05-28 4

50 Jahre ai

28. Mai 2011

München feierte 50 Jahre Amnesty International

– ein Rückblick

Am 28. Mai 2011 feierten Mitglieder, Freunde und Interessenten von Amnesty International das runde Jubiläum der größten Menschenrechtsorganisation – in unzähligen Städten weltweit, darunter auch München. Auf dem Münchner Rindermarkt demonstrierten 17 aktive Gruppen des Bezirks München und Oberbayern auf kreative wie anschauliche Weise, was ihre jeweilige Arbeit beinhaltet und vor allem: warum Menschenrechtsarbeit nach wie vor von Bedeutung ist. Einzelne Menschen können gemeinsam die Welt verändern, das ist die Grundidee von Amnesty International - seit nunmehr 50 Jahren.

„Hast Du schon mal eine Urgent Action verschickt? Nein? Das ist leichter als man denkt. Und: es lohnt sich: Etwa ein Drittel der weltweiten Eilaktionen für Menschen in Gefahr zeigte bislang positive Wirkung, z.B. im Sinne einer Freilassung oder zumindest Hafterleichterung...“ Die Münchner Urgent-Actions-Gruppe lud ihre Standbesucher auf dem Rindermarkt dazu ein, sich direkt an den einsatzbereiten Laptop zu setzen – zunächst, um die minutenschnelle Aktivierung des weltweiten Urgent-Actions-Netzwerk von Amnesty International live zu beobachten. Im nächsten Schritt konnte der Besucher dann umgehend aktiv für die Menschenrechte werden: mit einer eigenen Eilaktion (Urgent Action) – der schnellsten Interventionsart von Amnesty International. Via Online-Fax verschickten die Festivität-Besucher dann tatsächlich eigene Appelle an Regierungen und Botschaften mit der Intention, internationale menschenrechtliche Missstände zu beseitigen. Dabei wurde nicht nur ein authentischer Einblick in alltägliche Urgent-Actions-Arbeit gewährt, sondern auch vor Augen geführt, dass eine solche verlangt, unermüdlich am Ball zu bleiben. So ist das Münchner Bezirksbüro in der Volkartstraße stets mit mindestens zwei ehrenamtlichen Mitgliedern der Urgent-Action- Gruppe besetzt, um binnen 24 Stunden auf die ständig eingehenden Berichte der Amnesty-Länderbeobachter (researcher) reagieren zu können – via Mail ebenso wie per Fax und Brief.

Bepackt mit Dankeschön-Brezen für die früh aufgestandenen Bezirksmitglieder verfolgte insbesondere die Münchner Bezirkssprecherin Sibylle Schulz deren kreative Standaktivitäten. Sie lobte den unermüdlichen ehrenamtlichen Einsatz der Amnesty- Aktivisten aus München und Oberbayern, die sich derzeit in mehr als 40 Themen- , Länder- und Bezirkskoordinationsgruppen engagieren. „Der 50. Geburtstag von Amnesty International ist für die Gruppen unseres Bezirks ein schöner und zugleich bedeutender Anlass, die Vielfalt ihrer Arbeit zu präsentieren“, freute sich Schulz.

Die ehrenamtliche Basisarbeit regionaler Amnesty-Gruppen in weltweit über 60 Ländern bildet in seiner Gesamtheit eine tragende Säule der Menschenrechtsarbeit von Amnesty International. Auch wenn mal nicht Geburtstag ist, tragen die Mitglieder mit Infoständen, Mahnwachen, Unterschriften und Eilaktionen, Konzerten, Theaterstücken und Vorträgen die Stimmen der Opfer in die Öffentlichkeit, die ohne Amnesty kein Gehör finden würden.

Die thematische Breite der Amnesty-Gruppen, insbesondere im Münchner Bezirk, aufzuzeigen, war das besondere Anliegen der Münchner Aktionsgruppe. Sie hatte nicht nur für die Geburtstags-Location, für massenhaft Standausrüstung und eine dreistöckige, knallgelbe Amnesty-Torte mit vielen Kerzen gesorgt, sondern war auch mit einem eigenen Stand vor Ort. Videoclips auf einem großen Infoscreen machten auf weltweite Menschenrechtsverletzungen aufmerksam. Die menschenrechtliche Krisensituation im Gaza-Streifen wurde zum Fokusthema des Aktionsgruppenstandes und war Anreiz für angeregte Diskussionen vor Ort – u.a. mit dem palästinensischamerikanischen Journalisten Ali Hasan Abunimah. “Die Münchner Aktionsgruppe schreitet ein, wenn´s brennt – sie reagiert auf aktuelle Menschenrechtsverletzungen: mit spontanen Aktionen und Mahnwachen. Deshalb sind wir stets darauf angewiesen, dass wir genügend und vor allem auch zuverlässige Leute haben. Wir freuen uns immer über Zuwachs“, ermunterte Gruppensprecher und Aktionsreferent Florian Gränzer Interessenten, die an den Aktionsgruppenstand traten.

Besonderes Aufsehen erregte auch ein Galgenstrick aus Pappmaché. Der Sprecher der Anti-Todesstrafen-Gruppe, Andreas Albrecht, legte ihn sich sogar zu demonstrativen Leidenszwecken eigens um den Hals – und damit den Finger in eine Wunde, die noch immer nicht geschlossen ist: Alleine im vergangenen Jahr waren in 23 Ländern mindestens 527 Menschen hingerichtet und in 67 Ländern mehr als 2.000 Menschen zum Tode verurteilt worden. Gleichzeitig verwies die Münchner Gruppe auf ermunternde Lichtblicke: 139 Länder haben die Todesstrafe im Gesetz mittlerweile abgeschafft oder in der Praxis ausgesetzt. Ziel sei es, die übrigen 58 Länder, die bislang noch an der Todesstrafe festhalten, zu einer Abkehr zu bewegen. Die Münchner Gruppe gegen die Todesstrafe betreut seit Jahren Einzelfälle und leistet zudem Menschenrechtsbildungsarbeit an Münchner Schulen. Eigenen Angaben zufolge liegt den Münchnern nicht zuletzt ein Fall aus der Münchner Vergangenheit am Herzen, der nicht in Vergessenheit geraten dürfe: Auch am diesjährigen Jahrestag der Hinrichtung der Geschwister Sophie und Hans Scholl durch das Naziregime am 24. Februar hatte die Münchner Anti-Todesstrafen-Gruppe weiße Rosen im Englischen Garten verteilt.

Neben der Anti-Todesstrafen-Gruppe war auch noch eine andere Bezirkskoordinationsgruppe auf dem Rindermarkt. Die Gruppe gegen Folter berichtete insbesondere über ihren steten Einsatz für politische Gefangene. Die Eilaktionen der Gruppe sollen eigenen Angaben zufolge dem Schutz derer dienen, die entweder bereits gefoltert worden oder dieser Gefahr unmittelbar ausgesetzt seien. Um die Gesellschaft für das Thema Folter zu sensibilisieren, veranstaltet man auch in regelmäßigen Abständen Ausstellungen und Infostände, zum Beispiel auf dem Münchner Streetlife- Festival. Neben seiner Funktion als Sprecher der Gruppe gegen Folter hält Roger Partridge seit vielen Jahren zudem einmal im Monat Infoabende in der Evangelischen Studentengemeinde ab, um Amnesty-Interessenten zu informieren und für eine Mitarbeit bei Amnesty International zu begeistern.

Auf dem Rindermarkt zeigte sich das traditionell gemischte Mitgliederbild von Amnesty – ein Nebeneinander und Miteinander von Jung und Alt. Da die Menschenrechtsbildungsgruppe und die Hochschulgruppe von Amnesty seit längerem an einem gemeinsamen Menschenrechtsbildungsprojekt an Schulen in München samt Umland gearbeitet hatten, veranstalteten sie auch einen gemeinsamen Münchner Geburtstagsstand. Mitglieder beider Gruppen hatten in den vergangenen Monaten einen “Tag der Menschenrechte“ für Zehntklässler an diversen Münchner Schulen organisiert. Nach einem erfolgreichen Start des Projektes im vergangenen Jahr wolle man den Workshop nun in vielen weiteren Schulen in München und Umgebung anbieten, berichtete Linda Voggenreiter von der Menschenrechtsbildungsgruppe – ihre Gruppe ist seit Jahren darin geübt, qualitativ hochwertige Unterrichtseinheiten zu erstellen. Die Intention: Schüler sollen sich aktiv mit Menschenrechtsthemen auseinander setzen und dabei selbst kreativ werden.

Mit spezifischen Inhalten konnte auch der Stand der Pressegruppe zum Thema Presseund Meinungsfreiheit aufwarten. Der Pressegruppe lag am Herzen, sowohl auf „kleine“ als auch auf „große“ Baustellen aufmerksam zu machen. Wie es im Detail mit der Pressefreiheit in den einzelnen Ländern bestellt ist, konnten Interessierte sowohl anhand der Farbabstufungen auf einer großen Weltkarte der Pressefreiheit erkennen, als auch in den umfangreichen Hintergrundinformationen nachlesen. „Unser Material ist fast ausschließlich in Team-Arbeit entstanden, jeder von uns hat seinen Beitrag dazu geleistet, das beigesteuert, was er am besten kann“, so Gruppensprecherin Susanne Behnk. Sie hob insbesondere die Arbeit der gruppeninternen Kommunikationsdesignerin Anja Popovic hervor, die sich um das aufwendige Design der Plakate gekümmert hatte. Den Großteil der Pressearbeit im Vorfeld hatte hingegen die gruppeninterne PR-Fachfrau Gesine Märten gestemmt, wodurch sich auch der Bezirk über einen Geburtstagscountdown mit 50 spannenden Fakten und Erfolgen aus der 50-jährigen Geschichte von Amnesty International hatte freuen können.

„Jeder kann bei uns seine Kenntnisse und Fähigkeiten auf seine Weise einbringen. Der eine kann gut Französisch, der andere hat eine Begabung, mit Leuten in Kontakt zu treten, was bei Infoständen besonders hilfreich ist. Der eine hat Kontakt zu Bands, der andere hat ein Auto, mit dem wir Stellwände transportieren können. Der eine ist ein hervorragender Maler von Plakaten, der andere kann Homepages erstellen. Es gibt fast nichts, was wir nicht gebrauchen könnten“, so der Sprecher der Münchner Lobbygruppe, Martin Baranowski. „Jeder Fall ein Treffer“ lautete das Standthema der Gruppe, die neben ihrem Infomaterial mit einer Verlosung aufwartete. Die Lobbygruppe wendet sich in ihrer Arbeit direkt an die Regierungen und Abgeordneten in München und Bayern und hatte sich zuletzt an der Kampagne gegen Polizeigewalt in Deutschland beteiligt. Es finden außerdem regelmäßig Theaterstücke und Konzerte statt, die von der Gruppe organisiert werden, um das Bewusstsein für Menschenrechte in der Bevölkerung zu stärken.

Auch einige Ländergruppen des Bezirks nahmen die Geburtstagsfeier zum Anlass, sich mit eigenen Ständen vorzustellen. Darunter befand sich die mit vielen Luftballons gewappnete Sudangruppe mit Petitionslisten und Plakaten zum Fall des in Haft gefolterten, sudanesischen Journalisten Abuzar Al-Amin. Auch die Russlandgruppe sammelte Unterschriften. Im Rahmen einer kleinen Ausstellung machte sie besonders auf den Fall der 2006 ermordeten regierungskritischen Journalistin und Menschenrechtsverteidigerin Anna Politkowskaja aufmerksam. Gruppensprecher Sören Mayer warb zudem bei den Festivität-Besuchern darum, demnächst doch mal an der monatlichen Mahnwache vor dem Russischen Konsulat teilzunehmen. Immer am 31. des Monats versammelt sich die Russlandgruppe gemeinsam mit dem Memorial Deutschland e.V. um gemeinsam gegen Verstöße gegen das in Artikel 31 der Verfassung der Russischen Föderation verankerten Rechts auf Versammlungsfreiheit zu demonstrieren. Trotz russischer Unterzeichnung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte stehen seit jeher schwere Menschenrechtsverletzungen, darunter willkürliche Inhaftierungen und Folter auf der russischen Tagesordnung.

Der Amnesty-Arbeitskreis Kirchen machte hingegen mit einem Altar auf sich aufmerksam. „Seit rund 30 Jahren veranstalten unsere Mitglieder religionsübergreifende Gottesdienste zum Thema Menschenrechte. Wir erreichen damit zahlreiche Gläubige in München“, so Sprecher Herbert Veit. Immer wieder fragt der Arbeitskreis bei Gemeinden, kirchlichen Gruppen und Bildungseinrichtungen um Gelegenheit zu einem thematischen Gottesdienst, einem Vortrag oder einem Informationsstand an. Anlässlich des Amnesty-Jubiläums hatte sich schließlich die St. Markus-Kirche zu einem Geburtstagsgottesdienst für Amnesty bereit erklärt.

Unter die Geburtstagsstände der 17 Gruppen mischte sich nicht zuletzt auch ein befreundeter Münchner Künstler, der die Amnesty-Geburtstagsfeier mit einer eigenen menschenrechtsthematischen Skulptur bereicherte. In seiner „Mauer der Opfer“ hatte der langjährige Amnesty-Unterstützer Stefan Tremel ein Originalfenstergitter aus einem ehemaligen Militärgefängnis in der Leonrodstraße verarbeitet. „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ - über dem Gitter hatte Tremel also Artikel eins der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verewigt. Darüber hinaus nahm er sich die künstlerische Freiheit, ein großes Fragezeichen hinter einen Artikel zu setzen, der auch nach seinem 52-jährigen Bestehen an zu vielen Orten der Welt wenig Anklang findet. Mit seinem Kunstwerk wolle er vor allem auf das oftmals düstere Schicksal politisch Gefangener auf der ganzen Welt hinweisen, so Tremel.

Auf dem Rindermarkt präsentierte sich dann auch die älteste Amnesty-Gruppe Münchens: Die Schwabinger engagieren sich bereits seit Mitte der 60er Jahre für Amnesty und wandten sich mit ihrem Geburtstagsstand gegen die Diskriminierung von Roma in Europa. Auch die Gruppen des Münchner Umlands, ließen sich, trotz längerer Anfahrtszeit, ihr Bezirksfest nicht nehmen: „Mit Menschenrechten können Sie nur gewinnen“, lautete etwa der Standslogan der Gruppe Penzberg, die mit informativen Losen ohne Nieten für gute Laune sorgten. Die Gruppe von Manu Gies konnte gleich ein doppeltes Jubiläum feiern: 50 Jahre Amnesty und 25 Jahre Penzberger Amnesty- Gruppe. In diesem Sinne waren die Gruppenmitglieder besonders angespornt, Unterschriften für die Verbesserung der Situation von Flüchtlingen in Europa zu sammeln. Während sich die Gruppe Obersendling mit ihrem Einzelfall in Nepal ins Getümmel stürzte, brachte die Gruppe aus Fürstenfeldbruck schwerpunktmäßig das Thema Iran an Mann und Frau Besucher. Die Gruppe Würmtal sammelte hingegen Unterschriften für den israelischen Nukleartechniker: Mordechai Vanunu ist nach jahrelanger Haft, immer noch großen Restriktionen ausgesetzt, nachdem er vor Jahren das damals noch geheime Nuklearforschungsprogramm Israels publik gemacht hatte. Die Gruppe Aubing machte an ihrem Stand auf ihr mittlerweile 40-jähriges Engagement aufmerksam, in dessen Fokus die monatlichen 150 „Briefe gegen das Vergessen“ stehen – diese sollen öffentlichen Druck aufbauen und politischen Gefangenen mit schweren Haftbedingungen Hoffnung geben. Die Aubinger Gruppe sammelte vor Ort nicht nur Unterschriften für aktuelle Fälle im arabischen Inselstaat Bahrain. Gruppensprecher Augustin Lay verwies zudem auf ein Benefizkonzert, das die Gruppe am 10. Juni 2011 anlässlich des Amnesty-Geburtstags in der Theatinerkirche veranstaltet.

Tag für Tag arbeiten die Gruppen des Bezirks München und Oberbayern einander zu - manch einer war seinen Kollegen bis zum Fest auf dem Rindermarkt dennoch nicht persönlich begegnet. Am 28. Mai 2011 hatten die Amnesty-KollegInnen dann eine gruppenübergreifende Festivitätsaufgabe gemeinsam zu meistern – ausnahmsweise am selben Ort, zur selben Zeit: Das Ausblasen von 50 brennenden Kerzen auf einer großen Geburtstagstorte. Die Kerze war ihnen dabei allen ein vertrautes Symbol – so wie allen Amnesty-Mitgliedern weltweit. Von Stacheldraht umhüllt aber dennoch leuchtend erinnerte sie schon Amnesty-Gründer Peter Benenson an ein altes chinesisches Sprichwort: „Es ist besser, eine Kerze anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen.“

Die ehemalige, langjährige Bezirkssprecherin Ingrid Bausch-Gall freute sich ganz besonders über das Engagement der Münchner Amnesty-Mitglieder: „Mir ist es ein besonders wichtiges Anliegen, die ehrenamtliche Arbeit der Amnesty-Gruppen in den Regionen und Bezirken lokal vor Ort zu verankern und zu stärken“, betonte Bausch- Gall. Seit 43 Jahren ist sie für Amnesty aktiv und will keineswegs damit aufhören - in diesem Jahr wird sie für den Vorstand der deutschen Sektion kandidieren.

Zwar kann Amnesty International zu seinem 50. Geburtstag auf eine beeindruckende Geschichte und zahlreiche kleine und große Erfolge zurückblicken. Dennoch bleibt die Arbeit der mehr als 3 Millionen ehrenamtlichen Mitglieder in 150 Ländern wichtig. Leider deckte auch der Amnesty Jahresreport 2011 zahlreiche Menschenrechtsverletzungen auf der ganzen Welt auf. Es sind noch viele Briefe gegen das Vergessen zu schreiben, Unterschriften zu sammeln und zahlreiche Eilaktionen in der ganzen Welt zu verschicken. Mitstreiter sind also stets willkommen.

Gesine Märten und Susanne Behnk, AMNESTY-Pressegruppe München

Seite zuletzt geändert am 07.06.2011 20:29 Uhr