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1998

"Keine Folter, Herr Demirel"

Besuch des türkischen Staatspräsidenten: ai-Mahnwache vor dem Hotel Vier Jahreszeiten

Eine neue Form der Menschenrechtsverletzung greift in der Türkei um sich: politisch mißliebige Personen werden manchmal nicht mehr verhaftet, sondern man läßt sie spurlos verschwinden. Daran möchte amnesty international den türkischen Staatspräsidenten Süleyman Demirel erinnern, der am Mittwoch in München sein wird. Einige ai-Mitglieder werden gegenüber dem Hotel Vier Jahreszeiten eine Mahnwache halten (Mittwoch, 6. November 1998, 13:30 bis 15:00 Uhr, gegenüber dem "Vier Jahreszeiten"). Die ai-Aktivisten werden dem türkischen Staatspräsidenten, der zu dieser Zeit das Hotel verläßt, Fotos von Verschwundenen zeigen und ein Transparent mit der Aufschrift "Keine Folter, Herr Demirel".

Hintergrundinformation:

Es schien ein ganz normaler Tag in der Redaktion zu sein, als die türkische Journalistin Aysel Malkaç am 7. August 1993 das Zeitungshaus in Istanbul für eine Recherche verließ. Doch seit jenem Tag wurde die Mitarbeiterin der Zeitung "özgür Gündem" nicht mehr gesehen. Zeugen hatten jedoch beobachtet, wie Aysel Malkaç festgenommen wurde, vermutlich durch Zivilpolizisten. Doch die Polizei behauptet, es habe nie eine Festnahme gegeben. Ein weiterer Zeuge sagte später aus, er habe die Journalistin im Haftzentrum der politischen Polizei in Istanbul gesehen. Sie habe sich infolge von Folterungen in einem sehr schlechten Gesundheitszustand befunden.

Aysel Malkaç ist nur ein Beispiel. Mit ihr "verschwanden" im Jahr 1993 mindestens 25 weitere Menschen in der Türkei. Die Zahl der Fälle ist in den letzten Jahren rapide angestiegen. In den 80er Jahren war diese Form der Menschenrechtsverletzung in der Türkei noch unbekannt. Eine Arbeitsgruppe der Vereinten Nationen stellte 1994 fest, daß in der Türkei mehr Menschen "verschwunden" sind als in irgendeinem anderen Land der Erde: über 50 Fälle wurden 1994 registriert. Im Jahr 1995 "verschwanden" mindestens 35 Menschen, darunter auch Kinder. Noch dazu gab es 1995 in der Türkei 80 politische Morde. Die Opfer: Journalisten, Politiker, Mitglieder des türkischen Menschenrechtsvereins.

Die meisten der "Verschwundenen" sind kurdische Bauern, die sich niemals politisch engagiert hatten, die aber dennoch bei Razzien festgenommen werden. Der Vorwurf: sie hätten PKK-Mitgliedern Unterschlupf gewährt. Doch auch in den Großstädten im Westen der Türkei, insbesondere Istanbul und Ankara, "verschwinden" immer wieder Menschen. Hier sind die Opfer vor allem Oppositionelle und Journalisten.